Rekonstruktion oder Erinnerung? Möglichkeiten und Grenzen der Rekonstruktion von Architektur am Beispiel Alter Markt 17

 Am Alten Markt 17, um 1900 © Potsdam Museum/ Foto: Fritz Rumpf
 Am Alten Markt 17, um 1900 © Potsdam Museum/ Foto: Fritz Rumpf
Am Alten Markt 17, um 1900 © Potsdam Museum/ Foto: Fritz Rumpf
Vortrag

„Die Stadtverordnetenversammlung hat das Integrierte Konzept zum Wiederaufbau der Potsdamer Mitte am 1. September 2010 bestätigt.“ Was hier so lapidar klingt hat tiefgreifende Konsequenzen. Dazu gehört nicht zuletzt der im Jahr 2018 erfolgte und im merkwürdigen Kontrast zum Wort „Wiederaufbau“ stehende Abriss des von 1971 bis 1977 errichteten Lehrerbildungsinstituts, zuletzt bekannt als Alte Fachhochschule. An deren Stelle entsteht in den nächsten Jahren u.a. der „Block III“ mit 14 neuen Gebäuden. Eines davon wird die äußerliche Rekonstruktion eines im Zweiten Weltkrieg zerstörten barocken Bürgerhauses sein: Alter Markt 17, eine Wiederkehr nach bald 75 Jahren als Leitfassade mit modernem Innenleben.

Das beauftragte Planungsbüro hatte im Zusammenhang mit der Fassade vor allem eine wichtige Frage zu klären: Welches Bild soll das 1750 erbaute Haus künftig vermitteln? Jenes von den Photographien vor der Zerstörung im April 1945 oder jenes, welches um 1775 die Potsdamer Künstler Andreas Ludwig Krüger und Johann Friedrich Meyer in ihren Zeichnungen und Gemälden überliefert haben? Nicht einfach zu beantworten, zumal diese beiden Möglichkeiten nur für die äußeren historischen Eckpunkte stehen. Dazwischen erstreckten sich nahezu zweihundert Jahre Nutzungsgeschichte und hinterließen ihre Spuren wie Jahresringe an einem Baum. Wofür sollte man sich also entscheiden? Für die Ursprungsidee des mutmaßlichen Architekten von Knobelsdorff oder den Zustand, der am besten dokumentiert ist? Mehr noch: Wie hilfreich sind hierbei die Werke von Krüger und Meyer? Und weil das geplante Fassadenbild mit der neuen Nutzung in Übereinstimmung zu bringen ist, entsteht zugleich die Frage, was dabei am Ende herauskommt: Eine Rekonstruktion oder Erinnerungsarchitektur?

In seinem Vortrag wird Thomas Sander (Architekturhistoriker), am Beispiel Alter Markt 17 auf ein letztlich gesellschaftliches Phänomen eingehen, das nicht nur Denkmalpflege und Architektur betrifft, sondern ebenso auch Kulturgeschichte, Soziologie und Psychologie.