Das besondere Exponat (42)

Barbara Raetsch
Roter Bauzaun 5

2018/2019
Öl auf Leinwand
80 x 160 cm
© Potsdam Museum, Foto: Michael Lüder, VG-Bild-Kunst, 2020

Das Potsdam Museum und der Potsdamer Kunstverein e.V. erwerben gemeinsam das Gemälde für die städtische Kunstsammlung

Im November 2017 fiel der Startschuss für den endgültigen Rückbau der Potsdamer Fachhochschule, das ehemalige Institut für Lehrerbildung „Rosa Luxemburg“. Zu den bauvorbereitenden Maßnahmen zählte auch die Aufstellung eines 400 Meter langen und 2,50 Meter hohen Bauzauns. Er sollte über seine Funktion für die Baustelle hinaus auch der Verständigung der verhärteten Fronten zwischen Gegnern und Befürwortern der neuen Mitte dienen. Zahlreiche Proteste und die Besetzung des Gebäudes durch Abriss-Gegner hatten für deutschlandweite Schlagzeilen gesorgt.

Die Stadt Potsdam in ihrer barocken Schönheit, ihre partielle Zerstörung im II. Weltkrieg, der anschließende Verfall während der DDR-Zeit sowie die Wiederherstellung am Beispiel der historischen Mitte bilden das künstlerische Spannungsfeld, in dem sich Barbara Raetsch bewegt. Die 1936 in Pirna geborene Künstlerin widmet ihr künstlerisches Schaffen seit dem Umzug mit Karl Raetsch 1958 nach Potsdam den Themen der Stadt, des Stadtbildes und der Stadtentwicklung. Über malerische Erkundungen der städtebaulichen Struktur hinaus gilt ihr bildnerischer Fokus auch immer dem Lebens- und Kulturraum der BewohnerInnen.

Das Potsdam Museum kann einen umfangreichen Bestand von Barbara Raetsch in den Abteilungen Malerei und Grafik sein eigen nennen. Als zeitgenössischen Künstlerin ist Raetsch mit mehr als 50 Werken im Sammlungsbestand vertreten. In der Grafik finden sich ebenso Zeichnungen der Berliner Straße in Grafit wie aquarellierte Radierungen der Posthofstraße. Der Gemäldebestand enthält zahlreiche Werke von Abrisshäusern des Holländischen Vierteles, in denen Raetsch zu einer künstlerischen Stadtchronistin avancierte. Mit ihrer detaillierten Wiedergabe von Plätzen, Straßen und Häuserfassaden in der Dortustrasse oder beispielsweise der Gutenbergstrasse hat sie seit den 1980er Jahren die Aufmerksamkeit auf den zunehmenden Verfall der historische Bausubtanz gelenkt und malerische Mahnungen auf die Leinwand gebannt. Ihr Blick ist – ebenso wie ihre Kunst – immer kritisch und so verwundert es auch nicht, dass Raetsch den Wandel der historischen Mitte bildkünstlerisch in all seiner Intensität verfolgt.

Die Initiative für den Ankauf eines großformatigen Gemäldes ihrer Bauzaun-Serie ergriff Thomas Kumlehn in Abstimmung mit dem Potsdamer Kunstverein e.V. Der startete im Januar 2020 eine Spendenaktion. Mit der anteiligen Unterstützung durch das Potsdam Museum konnte die Spendenaktion im Oktober erfolgreich abgeschlossen werden.

Beim Besuch im Atelier war Jutta Götzmann, Direktorin des Potsdam Museums von der Reduktion der Formensprache sowie der Ausdruckskraft der Serie beeindruckt, die Raetsch ganz virtuos aus dem leuchtenden Kontrast von Schwarz und Rot entwickelt hat und entschied sich für das Gemälde „Roter Bauzaun 5“. Sie dankt dem Potsdamer Kunstverein e. V. für seine Spendenkampagnie, die sie vor allem wertschätzt, da der bisherige Werkbestand im Potsdam Museum fast ausschließlich die späten 1970er und 1980er Jahre abbildet, aber ihre künstlerische Entwicklung in der Nachwendezeit sowie in der Gegenwart unberücksichtigt lässt.

Coronabedingt kann das Gemälde nicht wie vorgesehen im Rahmen eines Pressetermins an die Kunstsammlung des Museums übergeben werden. Das Museum möchte aber über seine digitalen Medien den wertvollen Sammlungszuwachs vorstellen und gratuliert der Künstlerin damit zu ihrem 84. Geburtstag.