Die menschliche Figur

Vom Naturalismus zum Realismus

Gertrude Sandmann [o. T.], 1936, Pastell auf geprägter Pappe, Kreide, © Potsdam-Museum – Forum für Kunst und Geschichte
Gertrude Sandmann [o. T.], 1936, Pastell auf geprägter Pappe, Kreide, © Potsdam-Museum – Forum für Kunst und Geschichte
Gertrude Sandmann [o. T.], 1936, Pastell auf geprägter Pappe, Kreide, © Potsdam-Museum – Forum für Kunst und Geschichte

Die menschliche Figur ist eines der grundlegenden Sujets der Malerei und ist dementsprechend auch in der Sammlung des Potsdam Museums vielfach vertreten. Zu sehen sind Personen verschiedenen Geschlechts, Alters und sozialer Schicht, Gruppendarstellungen, Zirkusartisten, Menschen in Alltagszenen, symbolische Figuren und Selbstbildnisse.

Bereits seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gewann das breiter werdende deutsche Bürgertum mit der Industriellen Revolution an Wohlstand und Einfluss. Im 19. Jahrhundert wurde das Bürgerliche zunehmend „bildwürdig“ und auch im frühen 20. Jahrhundert gab es ein großes Interesse vor allem des gehobenen Bürgertums am Bildnis.

Für diese Zeit existieren in der Sammlung des Potsdam Museums zahlreiche Zeugnisse der Porträtkunst, die einen bürgerlichen Lebensstil repräsentieren.
Für die Zeit der DDR lässt sich eine Abkopplung von internationalen Entwicklungen in der modernen Kunst erkennen. Das Festhalten an der menschlichen Figur und ein mehr oder weniger realistisches Abbild der Welt stehen hierfür beispielhaft. Da die Ausrichtung der Galerie Sozialistische Kunst, aus welcher der Großteil des Bestandes an Bildender Kunst nach 1945 im Potsdam Museum stammt, sich auf die Darstellung des „Mensch[en] in seiner städtischen Umwelt“[1] konzentrierte, bilden diese neben den zahlreichen Stadtansichten einen mehrheitlichen Teil innerhalb der Sammlung ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Vor allem das Arbeiterbild wurde von Seiten des Staates gefördert, dadurch zum häufigen Thema und mit einer Heroisierung der Arbeiterklasse verbunden. Der ideologisch unverzichtbare Typus des Arbeiters – vor allem des Industriearbeiters – trug eine soziale Schlüsselfunktion im gesellschaftlichen System und wurde entsprechend idealisiert. Die Veränderungen dieses „heldischen“ Arbeiterbildes spiegeln sich in der Kunst wider: in den 1940er und 1950er Jahren wurden vor allem Stahlarbeiter dargestellt, in den 1960er Jahren erhielten geistige Arbeit, Wissenschaft und Technik einen höheren Stellenwert, in den 1970er Jahren wurden das ideologische Konstrukt der Arbeiterschaft durch die Künstler*innen zunehmend kritisch aufgegriffen bis hin zu einer „Dekonstruktion des Arbeiterbildes in den 1980er Jahren.“[2] Die Darstellungen wurden persönlicher und individueller: „[…] auch im Porträt, in der Einzelfigur und um Gruppenbildnis war es mit einigen Arbeiten gelungen, in der Darstellung des Arbeiters weniger den anonymen Repräsentanten der herrschenden Klasse zu würdigen, als vielmehr schlichte Bildnisse körperlich und geistig vitaler Individuen in ihrer Einmaligkeit zu entwerfen, die dem Betrachter auch menschlich nahekamen.“[3]

Die spannungsgeladenen 1980er Jahre beförderten eine ausdruckstarke figurative Malerei. Die vorgeschriebenen Kunstformen wurden immer stärker negiert und der Weg zu einer radikalen individuellen Perspektive und zur Erkundung des Selbst eingeschlagen.

 

 

[1] Jutta Götzmann: Rückzugsorte und Experimentierflächen. Künstlerische Denk- und Freiräume in der Galerie Sozialistische Kunst, in: Stadt-Bild / Kunst-Raum. Entwürfe der Stadt in Werken von Potsdamer und Ost-Berliner Künstlerinnen und Künstlern 1949 – 1990. Ausst. Kat. Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, 7. September – 11. Januar 2015, Berlin 2014, S. 25-33, S. 27.
[2] Anna Littke: Arbeiter und Arbeiterklasse in der DDR, in: Kunst in der DDR, URL: https://www.bildatlas-ddr-kunst.de/teaching/75 [Letzter Zugriff: 14.10.2020].
[3] Bärbel Mann: Auftragskunst zwischen politischem Diktat und künstlerischer Freizügigkeit, in: Günter Feist, Eckhart Gillen, Beatrice Vierneisel (Hrsg.): Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945-1990. Aufsätze, Berichte, Materialien. Berlin 1996, S. 582-597, S. 590.

Exponate
Magda Langenstraß-Uhlig, Bildnis eines Mannes im Lazarett, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Michael Lüder

129 | MAGDA LANGENSTRAß-UHLIG

Fritz Schulze-Blank, Porträt Daisy d' Ora, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte

132 | FRITZ SCHULZE-BLANK

Otto Niemeyer-Holstein, (Der) Zweifler, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Ilona Ripke

136 | OTTO NIEMEYER-HOLSTEIN

Fanna Kolarova-Beilfuß, Im Vorraum, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Michael Lüder

139 | FANNA KOLAROVA-BEILFUß

Ernst Ludwig Kretschmann, Porträt Heinrich Laurenz Dietz, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte

145 | ERNST LUDWIG KRETSCHMANN

Heinrich Basedow d. J., Selbstporträt als Halbakt, © Ute Boeters, Foto: Michael Lüder

148 | HEINRICH BASEDOW d.J.

Heinrich Basedow d. J., Fischer Johann Wessel, © Ute Boeters, Foto: Holger Vonderlindt

149 | HEINRICH BASEDOW d.J.

Heinrich Basedow d. J. Porträt des Husumer Arztes Dr. med. Petersen, © Ute Boeters

150 | HEINRICH BASEDOW d.J.

Heinrich Basedow d. J., Porträt Ruth Lenzki, © Ute Boeters

151 | HEINRICH BASEDOW D.J.

Hans-Joachim Biedermann, Ballspielende am Strand, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

154 | HANS-JOACHIM BIEDERMANN

Unbekannt, Im Bus (Plenair), © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte

195 | UNBEKANNTE KÜNSTLER*INN