Rückzugsort oder gescheiterte Sehnsucht?

Natur

Magda Langenstraß-Uhlig, Herbstwald II, um 1918, Öl auf Leinwand, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Michael Lüder
Magda Langenstraß-Uhlig, Herbstwald II, um 1918, Öl auf Leinwand, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Michael Lüder
Magda Langenstraß-Uhlig, Herbstwald II, um 1918, Öl auf Leinwand, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Michael Lüder

Das Sujet Landschaft erhält vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert einen Aufschwung. Mit zunehmender Industrialisierung und damit einhergehender Entfremdung des Menschen von der Natur stieg die Popularität der Landschaft als Sehnsuchts- und Rückzugsort. Auch zahlreiche Künstler*innen zieht es nach draußen: Mit dem Impressionismus und der industriellen Fertigung von Ölfarben in verschließbaren Tuben wird die Freiluftmalerei zunehmend beliebt. Die Werke entstehen nicht mehr im Atelier, sondern halten den Eindruck der Landschaften und der Stimmung, die sich mit Tages-, Jahreszeit und Wetter verändert, direkt vor Ort fest.

Auch zahlreiche Werke in der Sammlung der Bildenden Kunst des Potsdam Museums sind so entstanden. Landschaftsmalerei bildet hier einen thematischen Schwerpunkt. Da die Umgebung von Potsdam durch Wasser geprägt ist, ist es dabei nicht verwunderlich, dass ein Großteil der Sammlung Havellandschaften, Uferdarstellungen, Seen, Flüsse und Kanäle zeigen. Otto Heinrich, Hans Klohss und Hannah Schreiber de Grahl etwa hielten diese idyllischen Wasser- und Wiesenlandschaften in einer eindrucksvollen Anzahl an Werken fest. Zahlreiche Ansichten des Schlossparks von Sanssouci erweitern das Spektrum.

Auch in der DDR hatte die Landschaftsmalerei einen Stellenwert. Die Motive in der Kunst nach 1945 reichen von der vom Menschen bearbeiteten und beherrschten Landschaft, Industrielandschaften und Gartenansichten über Wälder und Bäume, Stadt- und Dorfansichten, Panoramen, Darstellungen von Wegen bis hin zu Jahreszeiten.

Seit den 1970ern erfreute sich zudem die Pleinair-Bewegung zunehmender Beliebtheit – eine geförderte, kollektive Zusammenarbeit nationaler und internationaler Künstler*innen für eine bestimmte Zeit. Das Potsdam-Pleinair fand seit 1975 jährlich statt. Mit Pleinair ist entgegen der Wortbedeutung nicht zwangsläufig die Freiluftmalerei gemeint, doch die malerische Natur, die Potsdam umgibt, übte oftmals einen besonderen Reiz auf die teilnehmenden Künstler*innen aus und wurde auf unterschiedliche Weise von ihnen dargestellt.

Die Landschaftsdarstellung wurde von offizieller Seite des SED-Regimes zur Bildung des sozialistischen Menschen politisiert, konnte aber ebenso von inoffizieller Seite Kritik am gesellschaftlichen System enthalten und bot Künstler*innen ebenso wie Betrachter*innen die Möglichkeit, ein Ort der Flucht, Freiheit und Besinnung zu sein. Das ländliche Idyll wurde durch die Kunst mitunter auch infrage gestellt oder satirisch behandelt. Was zunächst gefeiert wurde – die sozialistische Gesellschaft und ihre „offiziellen Utopien“[1]  – entpuppte sich schließlich als gescheiterte Sehnsucht.

 

 

[1] Jutta Götzmann, Jürgen Danyel: Vorwort, in: Stadt-Bild / Kunst-Raum. Entwürfe der Stadt in Werken von Potsdamer und Ost-Berliner Künstlerinnen und Künstlern 1949 – 1990. Ausst. Kat. Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, 7. September – 11. Januar 2015, Berlin 2014, S. 9-11, S. 9.

Exponate
Heinrich Basedow d. Ä., Vorfrühling – Havelpartie, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte

79 | HEINRICH BASEDOW D.Ä.

Heinrich Basedow d. J., Landschaft mit Kiefer, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Foto: Ute Boeters

80 | HEINRICH BASEDOW D.J.

Otto Niemeyer-Holstein, Donau, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Ilona Ripke

101 | OTTO NIEMEYER-HOLSTEIN

Heinrich Friedrich Rumpf d. Ä., Weinberg bei Sanssouci, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte

107 | HEINRICH FRIEDRICH RUMPF D.Ä.

Hannah Schreiber de Grahl, Uferlandschaft am Schwielowsee, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte

108 | HANNAH SCHREIBER DE GRAHL

Hannah Schreiber de Grahl, Birkenwald, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte

114 | HANNAH SCHREIBER DE GRAHL

Heinrich Basedow d. Ä., Schneeüberwehter Bach am Morgen, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Foto: Michael Lüder

115 | HEINRICH BASEDOW D.Ä.

Carl Kayser-Eichberg, Waldteich, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Foto: Michael Lüder

120 | CARL KAYER-EICHBERG

Hannah Schreiber de Grahl, Welle - tobende Meereswogen im Sturm, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Foto: Michael Lüder

123 | HANNAH SCHREIBER DE GRAHL

Otto Niemeyer-Holstein, Wald bei Pelichor, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Ilona Ripke

124 | OTTO NIEMEYER-HOLSTEIN

Magda Langenstraß-Uhlig, Herbstwald II, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Michael Lüder

126 | MAGDA LANGENSTRAß-UHLIG

Paul Lehmann-Brauns, Glienicke bei Kladow, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Foto: Michael Lüder

127 | PAUL LEHMANN-BRAUNS

Carl Kayser Eichberg, Schlachtfeld bei Verdun, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte

128 | CARL KAYER-EICHBERG