Wildes und Poetisches

Abstrakte Tendenzen

Squaw Hildegard Rose, unbenannt [o. T.], 2003, Mischtechnik auf Papier, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Foto: Michael Lüder
Squaw Hildegard Rose, unbenannt [o. T.], 2003, Mischtechnik auf Papier, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Foto: Michael Lüder
Squaw Hildegard Rose, unbenannt [o. T.], 2003, Mischtechnik auf Papier, © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Foto: Michael Lüder

Die Abstrakte Malerei beschreibt Tendenzen, in denen Gegenständlichkeit vermieden und auf Form, Farbe und Komposition reduziert wird. Wegbereiter dieser Kunstrichtung waren die Entwicklungen der Klassischen Moderne, vor allem der
Impressionismus, Expressionismus, Kubismus und Fauvismus. Nach 1910 breitete sich die abstrakte Kunst rasant in Europa aus. Dennoch sind frühe Beispiele dieser in der Sammlung des Potsdam Museums nur spärlich vertreten. Allein Magda Langenstraß-Uhligs Figurenkomposition (Geburt Christi), das um 1919 entstanden ist, kann hier als Beispiel aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gefunden werden.

Walter Ulbricht erklärte 1951 programmatisch „Wir wollen in unseren Kunsthochschulen keine abstrakten Bilder mehr sehen“[1] Verständliche, figürliche Kunst und eine „gesellschaftsbezogene Kunstform, die eine auf den ersten Blick erkennbare Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und dem alltäglichen Leben der Menschen transportieren sollte“[2] wurden vorgeschrieben. Trotz dieser Vorgaben besitzt das Potsdam Museum auch abstrakte Kunstwerke aus der Zeit nach 1950. „Gegen Ende der 1960er Jahre konnte sich die abstrakte Kunst punktuell legitimieren. [...] Schritt für Schritt fand die ungewohnte Ästhetik Eingang in den Kanon der Kunst“[3].

Günter Firit etwa füllte Ende der 1970er Jahre gar ein Triptychon mit einer abstrakten Stadtvision. Neben weiteren Beispielen aus der Malerei gibt es mehrere Zeichnungen, welche abstrakte Tendenzen aufweisen oder vollkommen gegenstandslos sind. Von Gertrude Sandmann, einer couragierten und beeindruckenden Berliner Künstlerin, die trotz Verfolgung und Unterdrückung durch das NS-Regime ein eindrucksvolles und zeitloses grafisches Werk geschaffen hat, besitzt das Potsdam Museum einen Teilnachlass, der neben zahlreichen gezeichneten Frauendarstellungen auch einige abstrakte Werke aufweist. Der in Potsdam geborene Künstler Joachim Palm, der 1961 die DDR verließ, schenkte dem Potsdam Museum 2017 ein großes Konvolut. Seine Zeichnungen und Radierungen, deren Datierung von Ende den 60ern bis in die heutige Zeit reicht, bestehen aus collageartig zusammengefügten Elementen. Sie öffnen teils innerhalb eines Bildes verschiedene und ausschnitthafte Blickwinkel.
In den 1980er Jahren entwickelte sich auch in der DDR eine wilde, ausdruckstarke, gar expressive Malerei. Unter den abstrahierenden Gemälden in der Sammlung des Potsdam Museums lassen sich beispielsweise Werke von Bernd Krenkel, Hans Urbatis und Stephan Velten aufzählen. Weitere abstrakte Grafiken stammen von Frank Gottsmann und entstanden Anfang der 1990er, Siegward Sprottes Aquarelle in den 2000er Jahren.

Unter den Zugängen neueren Datums befinden sich zeitgenössische Künstler*innen mit sehr feinfühligen, poetischen Werken. Anna Werkmeisters Arbeiten sind durch Gemälde des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts inspiriert. Eine Landschaft von Carl Gustav Wegener hat sie in Scheiben aus bemaltem Plexiglas zerlegt und so zu einem abstrahierten Panorama verarbeitet.[4] Das Ausgangsmaterial für eine Serie von Susanne Ramolla, „die die Bewegung für einen Moment anzuhalten scheint und sie wie eingefroren in eine künstlerische Form transferiert“[5] ist Schellack und trägt den poetischen Titel „Stillehalten“. Die „Baustelle am Rechenzentrum“ lässt sich auf Menno Veldhuis‘ gleichnamigen Gemälden unter den wild aufgetragenen Farbschichten kaum ausmachen - dass Van Gogh zu seinen Inspirationsquellen gehört, aber durchaus. Es zeigt sich anhand der ausgewählten Beispiele eine große Vielfalt, die sich durch diese ungegenständlichen Tendenzen ausbreitet.

 

[1] Volkskammerrede Walter Ulbrichts vom 31.10.1951. Andreas Hüneke: Rezension, Sigrid Hofer: (Hg.) Gegenwelten. Informelle Malerei in der DDR. Das Beispiel Dresden, Frankfurt a.M. / Basel: Stroemfeld 2006,
URL: https://www.arthistoricum.net/kunstform/rezension/ausgabe/2008/9/12115/ [Letzter Zugriff: 19.10.2020].
[2] Anna Havemann: Experimentierflächen, in: Stadt-Bild / Kunst-Raum. Entwürfe der Stadt in Werken von Potsdamer und Ost-Berliner Künstlerinnen und Künstlern 1949 – 1990. Ausst. Kat. Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, 7. September – 11. Januar 2015, Berlin 2014, S. 160.
[3] Ebd.
[4] Vgl. Jutta Götzmann: Linie-Streifen-Serie. Die Landschaftsparallelisierung in der Malerei von Anna Werkmeister, in: Anna Werkmeister, Adaptionen, Landschaft nach Karl Friedrich Schinkel, Carl Blechen, Carl Gustav Wegener und Ferdinand Hodler, Ausst. Kat. Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz, 17. September 2016 – 30. April 2017, Bonn 2016, S. 19-22.
[5] Jutta Götzmann: Susanne Ramolla – Poetische Welten im bildkünstlerischen Werk, in: topmagazin, Brandenburg Potsdam, Ausgabe 2, 16. Jahrgang, Herbst 2020, S. 78f, S. 79.

 

 

Exponate
Magda Langenstraß-Uhlig, Figurenkomposition, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Michael Lüder

244 | MAGDA LANGENSTRAß-UHLIG

Squaw Hildegard Rose, o.T., © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Foto: Michael Lüder

250 | SQUAW HILDEGARD ROSE

Squaw Hildegard Rose, o.T., © Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte, Foto: Michael Lüder

251 | SQUAW HILDEGARD ROSE